NATO – EU – Bulgarien: „Kein Unterschied zwischen Staat und Mafia“

Posted on März 2, 2013 von

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Bulgarien: „Kein Unterschied zwischen Staat und Mafia“

Interview | Manuela Honsig-Erlenburg, 1. März 2013, 10:09

foto: apa/arno burgi/dpa

Ilija Trojanow: „Es ist skandalös, dass die EU in all diesen Jahren es versäumt hat, auf mehr Wandel zu drängen.“

Die Jungen suchen ihre Chance im EU-Ausland, die Alten bleiben zurück.


Schriftsteller Ilija Trojanow über sein Geburtsland Bulgarien, für das er kaum Zukunftshoffnung hat

Auch sechs Jahre nach dem EU-Beitritt leben 52 Prozent der Bulgaren unter der Armutsgrenze. Die Jungen verlassen in Scharen das Land, weil sie keine Arbeit finden. Das Durchschnittsgehalt liegt bei etwa 300 Euro netto im Monat. Seit mehr als drei Wochen rufen Menschen auf der Straße nach einem Systemwandel. Und obwohl die Regierung von Ministerpräsident Boiko Borissow zurückgetreten ist, gehen die Demonstrationen weiter.

Bulgarien, sagt der in Sofia geborene Schriftsteller Ilija Trojanow, sei ein „Lost Case“. Seiner Meinung nach können auch Proteste und Neuwahlen an den verfilzten, mafiösen Strukturen im Land nichts ändern.

derStandard.at: Trotz des Rücktritts der rechten Regierung von Boiko Borissow gehen die Proteste in Bulgarien weiter.

Trojanow: Ja. Gemessen an der Zahl der Leidenden und Hungernden in diesem Land gehen aber immer noch sehr wenige Menschen auf die Straße. Die Hälfte der Menschen in Bulgarien leben in wirklicher Armut. Sie haben nicht ausreichend zu essen, können Strom und Heizung nicht bezahlen. Die Proteste sind, gemessen an der Brutalität der sozialen Ungerechtigkeit, also relativ zahm.

derStandard.at: Warum hat sich an dieser sozialen Ungerechtigkeit seit dem EU-Beitritt 2007 nichts geändert?

Trojanow: Das typische Problem der postsozialistischen Gesellschaften ist, dass es keinen Bruch mit den verknöcherten und verfilzten Strukturen gab, die schon vor 1989 herrschten. Die aktuelle Oligarchie hat nicht nur weiterhin fast alle Fäden in der Hand, sondern hat sich mittlerweile in eine international vernetzte Mafia verwandelt, mit starken ökonomischen Verbindungen zu Russland. Politisch gesehen ist man ein artiger Partner der geostrategischen Interessen der USA. Es gibt eine amerikanische Basis, Bulgarien war in Afghanistan beteiligt et cetera.

Ernst zu nehmende demokratische Strukturen existieren in Bulgarien nicht. Es ist skandalös, dass die EU es in all diesen Jahren versäumt hat, auf mehr Wandel zu drängen. Auf dem Papier existieren zwar Standards, aber wirklich gekümmert hat sich niemand darum. Ich kann mich erinnern, dass ich zufällig in Sofia war, als der damalige italienische Außenminister Franco Frattini die Fortschritte Bulgariens begutachtete. Er zeigte sich sehr zufrieden. Das war absurd.

Ob das politischer Wille ist oder einfach nur Korruption, kann ich nicht sagen. Fakt ist, dass die EU es vollkommen versäumt hat, Bulgarien dazu zu zwingen, diese Standards einzuführen. Und wenn die EU-Bürger das Gefühl haben, sie müssen für das Wohlergehen der bulgarischen Bevölkerung mitzahlen, dann muss man sagen: Sie zahlen für das Wohlergehen der bulgarischen Mafia. Ein einfacher Bürger hat überhaupt keine Chance, an die EU-Töpfe heranzukommen.

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http://derstandard.at/1361241402771/In-Bulgarien-gibt-keinen-Unterschied-zwischen-Staat-und-Mafia

Ein Türsteher der Bulgarischen Mafia weniger: Boiko Borissow trat zurück

Die Generalstaatsanwaltschaft in Bulgarien war bis 2006 „eine Art terroristischer Organisation“.

Bulgarian Chief Prosecutor, Boris Velchev, has painted an apocalyptic picture of the state of the prosecution services in the country at a meeting with American Ambassador, John Beyrle, held soon after Velchev’s election to the post. This has been revealed in a cable written by Beyrle, dated February 7, 2006, and leaked by Wikileaks [06SOFIA198]. Die bulgarische Webseite: www. Bivol.bg hat die US-Depesche aus Sofia heute veröffentlicht.

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